Was wäre wenn...
Was wäre eigentlich, wenn eine einzige Person im Alleingang eine komplette Software entwickelt oder gleich noch die gesamte Infrastruktur betreut und dann von heute auf morgen, nennen wir es mal “spontan anderweitig verplant” ist? Ok, mal ehrlich, wenn man nach einigen Menschen geht, passiert sowas nicht, denn Menschen sind schließlich unsterblich und Busse halten sich bekanntlich strikt an moralische Grundsätze. Aber wieso jetzt auf einmal Busse und Unsterblichkeit? Nun…
Ich hatte heute einen wirklich interessanten Call, in dem es unter anderem um professionelle Videosoftware ging. Nein, nicht das Schneiden von Katzenvideos, sondern ernsthafte Playout-Systeme. Ziemlich speziell, aber auch darüber muss man reden.
Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter (ja, die existieren wirklich in dieser Welt) hat erzählt, wie er sich aus mehreren Linux-Programmen etwas „zusammengeflickt“ hat. Funktioniert in seiner Welt vielleicht hervorragend, in anderen Welten aber eher weniger. Aber gut, nicht jede Lösung muss skalierbar oder übertragbar sein. Wäre ja auch langweilig, wenn Dinge plötzlich standardisiert und nachvollziehbar wären. Ironie aus
Was mich wirklich am meisten beeindruckt hat: Dieses Meisterwerk existiert komplett ohne jegliche Dokumentation und ohne das eine weitere Person involviert ist. Kein… Ach, egal. Ein echtes Unikat mit eingebautem Single Point of Failure. Naja, immerhin nicht noch ein Vibe-Coding-Projekt.
Perfekt also, um folgende Frage in den Raum zu werfen: „Was passiert eigentlich, wenn du morgen rausgehst und vom Bus überfahren wirst?“
Ich wünsche das wirklich niemandem, aber die Antwort kam schneller als die GEZ-Rechnung: „Warum sollte das passieren?“
Stimmt. Warum sollte man sich auch mit so unrealistischen Szenarien beschäftigen? Dinge wie Ausfälle, Krankheit oder sonstige Ereignisse sind ja eher theoretischer Natur. Ich habe früher ehrlich gesagt auch nicht immer an sowas gedacht, aber vor einiger Zeit hat mir jemand genau die gleiche Frage gestellt. Also die mit dem Bus. Hatten wir ja gerade schon.
Das beste Beispiel ist eigentlich der Brand bei OVH im Jahr 2022. Damals schrieb der CEO Octave Klaba:

Die Reaktion auf den Post war, das unfassbar viele Menschen darunter kommentiert haben und ernsthaft gefragt haben, wie man denn diesen “Disaster-Recovery-Plan” aktiviert. Ein faszinierender Moment, in dem Theorie und Realität sich einmal kurz unangenehm Intim berührt haben.
Ich selbst arbeite seit 2009 mit Video- und Audiosystemen, betreue Netzwerke und Anwendungen. Und so ungern ich es zugebe: Auch ich bin nicht unersetzbar, egal, wie sehr mein Ego das vielleicht auch gerne hätte. Deshalb dokumentiere ich alles so, dass andere Personen aus meiner Welt meine Arbeit nachvollziehen und im Zweifel übernehmen können. Nicht aus Bescheidenheit, sondern weil es einfach sein muss. Ersetzen tut mich deswegen niemand und selbst wenn. Dann ist es so.
Zurück zum Call: Es dauerte erstaunlich lange, bis überhaupt klar wurde, worauf ich hinauswollte. Stattdessen kamen Rechtfertigungen wie “kein Budget für zusätzliche Entwickler”, “alles ehrenamtlich”, bla bla bla.
Klar, absolut valide Punkte. Aber gleichzeitig auch eine wunderbare Ausrede, um sich nicht mit strukturellen Problemen beschäftigen zu müssen. Vor allem wenn man eine halbe Stunde später davon erzählt, dass man für 250 Euro monatlich einen Cloudspeicher mit über 100TB betreibt, aber seit zwei Jahren nicht mal 1 % davon genutzt ist.
Warum muss eigentlich immer alles an einer Person hängen? Vielleicht, weil es einfacher ist? Vielleicht, weil es sich gut anfühlt, der Einzige zu sein, der „den Laden versteht“? Oder vielleicht, weil man sich schlicht nicht vorstellen will, dass man ersetzbar ist?
Ich verstehe es nicht. Und wahrscheinlich werde ich das auch nie…